Pflege ist in der Krise in Deutschland, das wissen wir ja schon längst. Zumindest über die Medien, wenn nicht persönlich. Wäre ich eine junge, gesunde Millionärin, würden mich bestimmt auch diese Art von Nachrichten nicht so sehr interessieren. Bin ich aber nicht. Ich stecke persönlich, tief mit, in dieser Krise.

Als ausländische Pflegekraft in Deutschland, möchte ich einige Sachen aufschreiben, die mich persönlich in der jetzigen deutschen Pflegesituation stören. Mein Schreiben ist also nur eine persönliche Meinung und beruht sich auf die Erfahrungen, die ich in den letzten zehn Jahren in der ambulanten Alten- und Krankenpflege in Nord-Deutschland gemacht habe.

Ich finde Pflege könnte so ein toller Beruf sein. Mir persönlich passt Pflege als Beruf ganz gut, finde ich. Man bekommt so viel Anerkennung und dank von den Pflegebedürftigen zurück. Man begegnet sich mit so vielen verschieden Menschen, erfährt so viele verschiedene Lebensgeschichten. Es ist einfach ein gegenseitiges Geben und Nehmen zwischen den Pflegenden und Gepflegten.Trotzdem leide ich nicht unter einem „Helfersyndrom“. Pflege ist (nur) meine Arbeit und ich trenne strikt (oder versuche es zumindest) mein berufliches Leben von meinem privaten Leben. Wenn ich also frei habe, mache ich ganz was anderes und versuche nicht an die Arbeit zu denken. Das fällt manchmal schwer. Das heutige Pflegesystem in Deutschland macht es oft schwer einen freien Kopf nach der Arbeit zu haben.

MDA-Gerät, was für eine tolle Erfindung…für die Krankenkassen. Das Handy mit dem Überwachungsprogramm für die ambulanten Pflegekräfte. Es wird uns als ein wunderbares Hilfsmittel präsentiert. Man hat ja alle wichtigen Infos von den Kunden da drinnen, ganz schnell griffbereit. Vorteilhaft ja, nur es gibt ja einen riesigen Haken an der Sache. Man fühlt sich beobachtet. Man wird beobachtet. Minutengenau. Wie ein Gefangener mit einer elektrischen Fußfessel. Es gibt kein Vertrauen. Du musst beobachtet werden. Wie lange verbrauchst du Zeit bei den Kunden? Wie lange brauchst du zum Fahren vom Kunde A zum Kunde B? Wehe du bleibst irgendwo fünf Minuten länger als geplant, dann musst du die Zeit dem schlauen Gerät unbedingt begründen. Wenn nicht, wird dir die unbegründete Zeit vielleicht nicht als Arbeitszeit anerkannt. Man hat das Gefühl, man wird gejagt von etwas Unsichtbarem. Du könntest noch schneller machen. Es könnten statt fünf Minuten auch nur drei Minuten für die Medikamentengabe ausreichen. Deine Fahrzeit wird auf die gefahrene Strecke nach Länge, ohne Ampeln, parken und Wegezeit zum Kunden angegeben. Absurd! Wo bleibt das Menschliche? Das wofür ich mich vor ca. 20 Jahren für den Pflegeberuf entschieden habe? Man fühlt sich oft nur wie eine Spielfigur auf einem Monopoly-Spielfeld, wo man weiterkämpft mit dem Wissen, dass man das Spiel schon längst verloren hat.

In meiner Heimat ist in der Pflege bestimmt nicht alles viel rosiger als hier. Vielleicht vergoldet die Zeit auch die Erinnerungen, aber ich kann mich noch erinnern als ich meine bescheidene Pflegekarriere dort angefangen habe. Ich wurde nicht so bemitleidet wie in Deutschland. Ach du arme. So ein schwerer Beruf. Wie schaffst du es? Und dann die trockene Feststellung, das wäre nichts für mich. In meinem Heimatland fühlte ich mich in meinem Beruf anerkannt. Ganz normaler Job, kein Grund sich zu schämen. Nicht immer einfach, aber auch nicht übermäßig stressig. Normale Bezahlung mit der man nachher auch eine normale Rente bekommt. Alten- und Krankenpflege ist dort kein Geschäft. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen diesen beiden Ländern. In meinem Heimatland ist die Pflege nicht dem Opfer des Kapitalismus verfallen (noch nicht?). Es gehört sich einfach, sich um die Kranken und Pflegebedürftigen zu kümmern. Dafür bezahlt man dort mehr Steuern als hier, aber dann hat der Staat auch das zu leisten, wofür man bezahlt hat, faire Konditionen in der Pflege.

Außer Minutenpflege in der ambulanten Pflege in Deutschland stört mich auch die Tatsache, dass MDK (Medizinische Krankenkasse) viel Dokumentation als Beweismittel für die geleisteten Einsätze verlangt. Was das Komische für mich schon immer dabei war ist, dass wir tatsächlich lediglich über unsere Dokumentation benotet werden. Nicht also unbedingt dafür, was wir wirklich vor Ort so tun. Was die Sache für mich noch ein Tick Realitätsfremder macht, ist, dass für diese perfekte Dokumentation, die wir hinterlassen sollen, es keine geplante Zeit gibt. Das Schreiben in die Kundenakte geschieht meistens in Eile, bevor man das Haus des Pflegekunden verlässt. Dabei kann man schon ins Schwitzen kommen. Für mich ein weiterer Beweis dafür, dass zu wenig Vertrauen den Pflegekräften gegenüber gebracht wird. Trotzdem habe ich im Laufe der Jahre während meiner Arbeit bei mehreren Pflegediensten unzählige Vertrauenswürdige Pfleger und Pflegerinnen kennengelernt, die mit Herz und Seele bei der Sache sind. Schwarze Schafe sind in der Pflege eher eine Seltenheit. Deswegen sehe ich in den Pflegeberuf auch als Berufung. Für das Bisschen Geld, womit man in der heutigen, teuren Zeit gerade noch über die Runden kommt, wäre diese Art von Arbeit auszuüben viel zu Schade, finde ich. Man kann unmöglich Pflege als Geschäft sehen genauso wenig wie den Menschenhandel. Für mich ist es einfach ein Pflicht von dem Staat um seine schwächsten Glieder zu kümmern, ohne Ausbeutung der bereitwilligen Hilfskräften. Letzten Endes würde ich mir einfach faire Konditionen in der Pflege in Deutschland wünschen. Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät.